Bremens Partnerstadt Danzig lädt alle ein – Ein Kommentar

Das polnische Danzig (Gdańsk) ist heute eine quirlige, stolze und aufstrebende Hansestadt. Jeden Sommer treffen sich hier hauptsächlich junge Europäer aus Skandinavien, Großbritannien, Irland, Deutschland mit ihren Danziger Gastgebern. 13 Fluglinien mit etwa 60 Direktverbindungen bringen sie in den Sommermonaten zum Lech-Walęsa-Airport der Ostseemetropolen Gdańsk, Gdynia oder Sopot, die inzwischen längst zu einer Dreistadt (Trójmiasto) zusammengewachsen sind. Leider kommen die Bremer seit einigen Jahren nicht mehr direkt dort hin, aber dafür wieder seit zwei Jahren auch aus Hamburg.
Der Danziger Stadtpräsident Paweł Adamowicz lädt dieses Jahr alle in Danzig geborenen und alle Freunde der Stadt zum inzwischen 5. Welttreffen der Danziger vom 6. – 8. Juli ein. Nach der feierlichen Eröffnung im Theater der Stadt am Freitagmittag ist die Baltic Sail einer der Höhepunkte. Gäste sind eingeladen, auf den Seglern eine mehrstündige Tour von der Altstadt in die Danziger Bucht unternehmen und am Sonntagnachmittag der Seglerparade auf dem Mottlau-Kanal beizuwohnen. Für alle Abende sollte man das Programm auf http://www.gdansk.pl/gdanszczanie/de  sehr genau studieren, um nichts zu verpassen, denn Konzerte und Auftritte werden in der gesamten Altstadt angeboten. So tritt am Samstagabend der Stargeiger Nigel Kennedy gemeinsam mit der Capella Gedanensis in der Johanneskirche auf. Bernstein kann man nicht nur in den Auslagen der vielen Schmuckwerkstätten, sondern auch im Rathaus am Langenmarkt bewundern. Doch Gdańsk, Sopot und Gdynia sind das ganze Jahr eine Reise wert, auch wenn man es zu diesem Welttreffen nicht mehr schafft. Ach ja, Freunde gewinnen mit Hilfe der Sprache ist in Danzig ganz einfach. Man sollte einfach die polnische Bezeichnung der Stadt perfekt aussprechen, also nicht „Gdansk“ sondern „Gdainsk“ und dann kann man sicher sein, dass die polnischen Partner sofort mit einem ihrer Lieblingshobbys beginnen, nämlich nach polnischen Vorfahren bei ihren Gästen zu suchen.
Der Gastgeber des V. Welttreffens der Danziger, Stadtpräsident Adamowicz ist regelmäßig Gast des Bremer Senats, sei es zu 40 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Danzig vor zwei Jahren, zur Eiswette, zum Festival Maritim oder anderen Anlässen. Er gilt als sehr besonnener Politiker und Stadtvater, der nicht der jetzigen Regierungspartei angehört. Wie er selbst sagt, ist für ihn Danzig eine Stadt mit einer deutschen und polnischen Vergangenheit und einer polnischen Gegenwart und Zukunft. So wird dem ehemaligen Danziger Bürgermeister Leopold von Winter in diesem Jahr besonders gedacht (Samstag 7.7. 13.00 Uhr – Einweihung einer Gedenktafel mit anschließender Führung). Als eine der herausragendsten Stadtväter (er war Bürgermeister von 1863-1890) ließ er die Kanalisierung bauen und die Stadt bekam fast überall Bürgersteige und gepflasterte Straßen.
Nach 1945 haben die Polen in Danzig erstaunliches geleistet. Viele von ihnen kamen aus Litauen und anderen Gebieten weiter im Osten. So war die historische Altstadt, in den letzten Kriegstagen nahezu komplett zerstört, bereits Ende der 60-ger Jahre wiederentstanden, natürlich mit modernen Wohnungen im Inneren der Gebäude. Die „Starówka“ entstand nach alten Zeichnungen und Stichen wieder, wie es in der Zeit des „Königlichen Preußens“ aussah, königlich deshalb, weil Preußen damals zur polnischen Krone gehörte, also Teil des polnischen Staates war.
Aber die stolzen Danziger, oft aus den Niederlanden und Deutschland stammend und im Wesentlichen durch den Getreidehandel reich geworden, waren schon immer sehr eigen. So findet man im Danziger Nationalmuseum heute das Original des „Memling“, wie die Danziger es nennen, aber eigentlich heißt das Triptychon „Das Jüngste Gericht“. In Brügge als Auftrag für Italien von Hans Memling erschaffen, wurde es von der „Peter von Danzig“ unter Kapitän Paul Beneke auf einer Kaperfahrt erbeutet und nach Danzig gebracht. Trotz Interventionen von Königen und Bischöfen behielten es die Danziger. Nach dem verheerenden 2. Weltkrieg – der hier in Danzig mit dem Überfall des deutschen Linienschiffes „Schleswig-Holstein“ auf die polnischen Stellungen auf der Westerplatte seinen Anfang nahm – kehrte es über Stationen in Thüringen, der Leningrader Eremitage und Warschau dann 1958 nach Danzig zurück und ist heute dort zu bewundern.
In Gedenken an die Opfer und den Widerstand gegen den Terror des Hitler-Regimes steht an der Hafeneinfahrt nach Danzig heute das weithin sichtbare Denkmal der Helden der Westerplatte, wo bereits viele deutsche Staatsmänner und Politiker am 1. September des Beginns des 2. Weltkrieges gedacht haben. Etwas außerhalb von Danzig liegt das ehemalige deutsche Konzentrationslager Stutthof. Über die Gräuel insbesondere an der polnischen und jüdischen Danziger Bevölkerung berichtet der Bremer Politiker Hermann Kuhn in seinem Buch „K.L. Stutthoff – ein historischer Abriss“. Christian Weber, Präsident der Bremer Bürgerschaft nahm gemeinsam mit der Generalkonsulin in Danzig Cornelia Pieper vor 2 Jahren, am 9. Mai 2016 an der Gedenkfeier für die Opfer des Nazi-Terrors an der Gedenkstätte in Stutthof teil. Das 2017 eröffnete Museum des 2. Weltkrieges ist inhaltlich kein Militärmuseum, wie man es erwarten könnte, sondern zeigt – eingebettet in einen europäischen und internationalen Kontext – den furchtbaren Krieg und die Leiden aus der Sicht der polnischen Zivilbevölkerung.
Aussöhnung und Verständigung – das waren die Ziele, die sich die Bremer „Eltern“ der Städtepartnerschaft, der verstorbene Bürgermeister Hans Koschnick und seine Ehefrau Christine Koschnick stellten. Dank deren Umsicht und Weitsicht wurde Bremens erste Städtepartnerschaft schon 1976 geschlossen – und das über den eisernen Vorhang hinweg. Diese Partnerschaft ist heute mehr denn je lebendig und geschätzt, auch wenn sie aktuell kein Thema für „Breaking News“ in den Medien bildet. Bremens Bürger sind stolz, was sie im Rahmen der Städtepartnerschaft und mit Hilfe der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen (1975 gegründet) geleistet haben. Heute Ehrenbürger und Botschafter der Stadt Danzig, fuhr der inzwischen pensionierte Handchirurg Dr. Paschmeyer (Honorarkonsul der Republik Polen in Bremen von 2007-2012) nach einem furchtbaren Brand in einer Konzerthalle Anfang der 90-er Jahre sofort nach Danzig und operierte verletzte Kinder. Ein Teil der Kinder wurde dann weiter in Bremen behandelt und das Schöne ist, dass der Kontakt bis heute besteht. Die Bürgermeister Bremens haben für die Partnerschaft mit der polnischen Stadt hart ins Zeug gelegt. Dank Bürgermeister a.D Wedemeier gibt es das Deutsch-Polnische Jugendwerk und Bürgermeister a.D Scherf leitete die erste von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft organisierte Bürgerreise in die Partnerstadt. Im Herbst 2016 konnte Bürgermeister Sieling gemeinsam mit seinem Danziger Amtskollegen 40 Jahre Städtepartnerschaft feierlich mit einer großen Delegation aus Wirtschaft und Kultur in der polnischen Hafenstadt begehen. Doch am wichtigsten sind weiterhin die Kontakte und Begegnungen der Jugend. Die Jugendherbergen beider Städte arbeiten dank Rainer Nalazek – Bremer Abgeordneter a. D sowie ehemaliger langjähriger, sehr engagierter und erfolgreicher Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen – und seiner Frau Christa eng zusammen. Studenten der Hochschule Bremen erarbeiteten zum Beispiel gemeinsam mit der Danziger Technischen Universität (Politechnika) Projekte für einen neuen Stadtteil in Gdańsk, die Hochschule Bremerhaven beging gerade vor Kurzem 40 Jahre Partnerschaft mit der Seefahrtsschule in Gdynia und fördert einen intensiven Studentenaustausch. Im September (13.-17.9. 2018) findet in Bremen ein Festival Junger Musiker mit Workshops aus Deutschland und Polen gemeinsam mit Partnern der Musikhochschule Danzig statt, wo junge deutsche und polnische Musikschüler und Studenten miteinander wetteifern und lernen.
Danzig ohne Günter Grass? Geht nicht! Schon ab Ende der 60-er Jahre konnten die damals wenigen deutschen Auslandsstudenten mit dem in Danzig geborenen Schriftstelle in einem Zoppoter Café (Złoty Ul) diskutieren. Heute unterhält die Stadt Danzig eine Günter Grass Galerie- ein Teil der Stadtgalerie Danzig – in der Szeroka Str. (Breite Straße), in der nicht nur der Nobelpreisträger und Ehrenbürger der Stadt geehrt wird, sondern am Samstagabend um 19.00 die Vernissage für eine neue Ausstellung der Gegenwartskunst stattfindet. Vorbereitet wird sie u.a. von der Bremer Kunstkuratorin Iwona Bigos.
Alle Danzig-Besucher sind sich in einem einig: In Danzig wird geklotzt und nicht gekleckert. Der Containerterminal im Nordhafen wurde zum zentralen Verteilerzentrum für die Containerriesen der großen Reedereien in der Ostsee und erreichte einen Umschlag von 1,6 Millionen Containers (TEU) womit er sich in der letzten Dekade verzehnfachte. Viele werden die Star Tankstellen in Deutschland kennen, deren Produkte nach einer weiteren Fusion der polnischen Mineralölkonzerne u.a. aus der Danziger Erdölraffinerie kommen, die von See aus mit Großtankern seit den 70-er Jahren versorgt wird. Aber das europäische Werftensterben machte auch vor Polen nicht halt, so dass sich das ehemalige Gelände der traditionsreichen Danziger Werft in einer Phase der Umstrukturierung befindet und dabei gern die Erfahrungen der Partnerstädte genutzt werden. Um die Altstadt herum entstehen immer neue schicke Viertel; ohne Baukräne scheint auch in Danzig etwas zu fehlen. Aber die Danziger übertreiben nicht und denken hier traditionell mit hanseatischer Weitsicht.
Heute ist den Bremern die Stadt Danzig vor allem als Wiege der Solidarność-Bewegung unter Lech Wałęsa aus den 80-ern bekannt. Doch eigentlich begannen die Danziger Arbeiter mit ihren Protesten gegen die Entscheidungen aus Warschau schon viel früher. Nach einer drastischen Preiserhöhung vor Weihnachten 1970 zündeten sie kurzerhand das Parteigebäude an und der 1. Sekretär in Warschau Władysław Gomułka wurde gestürzt. Spannend und auch detailreich versetzt das „Europäisches Zentrum der Solidarność” (ECS) die Besucher in die Ereignisse dieser Zeit in Polen, deren Einfluss auf die spätere Gestaltung des friedliebenden, freien Europas immer noch den entsprechenden Platz in unserem Geschichtsbewusstsein sucht. Das neue 2014 fertiggestellte ECS ist heute alles andere als ein Museum. Unter der Leitung des Direktors Basil Kerski finden in diesem Europäischen Zentrum viele Kongresse und politische Veranstaltungen statt.
Polen feiert in diesem Jahr den 100. Jahrestag der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit, nachdem das polnische Volk für 123 Jahre unter den Russen, Deutschen und Österreichern aufgeteilt war. Mit diesem Datum geht aber auch ein gemeinsames deutsch-polnisches Jubiläum einher, nämlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland und Polen. Die Bremerinnen werden es gemeinsam mit den Danzigerinnen im November begehen – natürlich im Europäischen Solidarność Zentrum in Danzig, wo auch sonst?